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Zu jung für den Schaukelstuhl
Ob Philosophie, Übersetzungswissenschaften oder Geschichte - für den Schaukelstuhl fühlen sich die Seniorstudenten an der Uni jedenfalls zu jung! Foto: Frederic Weichel

Zu jung für den Schaukelstuhl

Graue Haare, Falten und dicke Brillengläser sind ihre Kennzeichen – ein weicher Kontrast zur Generation G8

Senioren gehören in vielen Fachbereichen zum gewohnten Bild. Während praxisnahe Fakultäten oftmals gemieden werden, sind es die Geisteswissenschaften, die die Rentner magisch anzuziehen scheinen. Hier gehören sie in den Vorlesungen zum treuesten Publikum. Mit dem sogenannten „Studium ab 60″ bietet die Universität Heidelberg Studierwilligen über 60 Jahren eine Gasthörerschaft. Gegen festgelegte Gebühren können die Älteren an Vorlesungen teilnehmen, sind allerdings nicht befähigt, Prüfungen zu schreiben und somit einen Abschluss zu erhalten. Andere, die sich nicht mit einer bloßen Gasthörerschaft anfreunden können, gehen den regulären Bewerbungsweg und streben auch konkrete Abschlüsse an.

Für den Philosophieprofessor Jens Halfwassen gehören die älteren Studenten zum festen Bestandteil seiner Vorlesungen. Die Philosophie ist traditionell beliebt bei den Senioren. Gängige Klischees weist Halfwassen dabei zurück. Das Bild des Seniorenstudenten, der alles besser weiß, sei für ihn eine „Karikatur“. In seltenen Fällen gebe es bei einigen ein „Bedürfnis nach Wortschwall“, richtigen Ärger habe er persönlich aber noch nie mit einem besserwisserischen Seniorenstudenten gehabt.

Übersetzungswissenschaften im 20. Semester – die Liebe zu den Ländern und der ausländischen Literatur führten den Seniorstudenten  in das ungewohnte Feld

Was so mancher jüngere Kommilitone der Zukunft zuliebe also seufzend absitzt, nehmen die Älteren freiwillig auf sich. Woher kommt die Motivation, sich nach einem langen Berufsleben noch einmal auf ein fremdes Fachgebiet einzulassen, sich belehren zu lassen und lernen zu müssen? Andreas Weise (69) ist einer dieser älteren Studierwilligen. 1965 immatrikulierte er sich zum ersten Mal, studierte Betriebswirtschaftslehre, machte seinen Diplomabschluss und leitete die Geschicke einer IT-Firma.

Heute befindet sich Herr Weise im 20. Semester. Er studiert Übersetzungswissenschaften für Französisch und Italienisch und ist in seiner Fakultät unter den Studenten ein Exot. „In meinem Fach gibt es keine weiteren grauen Köpfe. Die Übersetzungswissenschaft ist ein Lernfach. Man sieht mehr Ältere in Vorlesungen für Geschichte und Philosophie.“ Die Liebe zu den Ländern und der ausländischen Literatur führten Herrn Weise in das für seine Altersgruppe ungewohnte Feld. Für ihn ist ein konkreter Abschluss trotz bestandener Prüfungen zudem sekundärer Natur. Neben der Liebe zu den Ländern, sind es die geistigen Herausforderungen und die Atmosphäre, die ihn zurück an die Universität Heidelberg trieben. „Die universitäre Umgebung mit jungen intelligenten Menschen wirkt ansteckend und regt an, über viele Dinge nachzudenken.“

„Auf der Parkbank zu verblöden“ kommt weder für den Seniorstudenten, noch den Professor in Frage

Auf der gegenüberliegenden Seite des Hörsaals teilt Professor Ulrich Hilgenfeldt (71) einige besagter Motivationen. „Auf der Parkbank zu verblöden“ kam für ihn nicht in Frage. Nach seiner Pensionierung im Jahr 2007 blieb er daher der Universität treu. Am Pharmakologischen Institut unterrichtet er weiterhin den Nachwuchs. Seine Vorlesungen sind den Evaluationsbögen zufolge äußerst beliebt. Egal ob Pharmakologie, Toxikologie oder Pathophysiologie: Hilgenfeldt kann auf mehrere Jahrzehnte an Wissen zurückgreifen und dieses unterhaltsam vermitteln. So sieht er selbst sein Alter durchaus als Vorteil. Ab einem gewissen Punkt sei man schließlich „Vollprofi“, jemand, der einen „umfassenden Überlick über sein Fachgebiet“ habe. Für den Pharmakologen sei es daher schlichtweg Unsinn, ein solches Potenzial zu verschwenden. Sein Auftrag als Dozent „Verantwortung für die geistige Ausbildung junger Leute“ zu übernehmen und „Verständnis zu vermitteln“, realisiert er mit Erfolg auf seine eigene Art.

Ein weiterer Vorteil seines Alters ist die Freiheit, Kritik an der jetzigen Lehre äußern zu können. Hilgenfeldt plädiert gegen die Lehre vom reinen Wissen für eine „praxisorientierte, integrativere Lehre“, in der einzelne Disziplinen nicht strikt getrennt werden. Auch als Berater für seine Kollegen und Editor von Wissenschaftsmagazinen ist der beliebte Professor noch tätig. Alles in allem fasst er selbst sein jetziges Schaffen als eine „intellektuell befriedigende Tätigkeit“ auf, die ihn lebendig halte und dank des selbst einteilbaren Arbeitspensums auch nicht belastend sei.

Abseits der universitären Bildungseinrichtung bietet ferner die „Akademie für Ältere“ an der Volkshochschule Weiterbildungsmöglichkeiten an. Gegen einen Mitgliedsbeitrag von 76 Euro jährlich können sich hier Senioren Vorträge zu verschiedensten Fachrichtungen anhören. Die Lehrenden sind oftmals ehemalige Lehrer, ebenfalls Rentner, die ihr Wissen gratis teilen möchten. Josefine Mömken ist Organisatorin der Akademie für Ältere und des Studiums ab 60. Sie meint, viele Senioren belegten im Alter ihre eigentlichen „Neigungsfächer“. Fächer, deren Studium stets reizvoll war, in ihrer Jugend aber als zu riskant und unsicher erschienen.

Arne Schoch

Ein Kommentar

  1. Für einen Schaukelstuhl ist man nie zu jung oder zu alt. Was gibt es denn Gemütlicheres als im Schaukelstuhl mit einem guten Buch in der Hand und einem Glas Wein in Reichweite.
    Da ich von zu Hause aus viel im Sitzen vor dem Computer arbeite, nutze ich hier einen Schaukelstuhl als Sitzgelegenheit, um mich etwas zu bewegen und damit Verspannungen zu vermeiden. Das kann ich nur empfehlen… 🙂

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