Aktuell
Startseite / Heidelberg / Mehr als eine Geschichte
Mehr als eine Geschichte
Fünf Minuten Zeit für einen fremden Menschen und dessen Geschiichte. Fotos: Evein Obulo

Mehr als eine Geschichte

Das Begeisterhaus Heidelberg organisiert seit März das road to_ Festival. Am vergangen Dienstag fand auf dem Uniplatz unter dem Motto „Geschichten von Vielen“ ein Demokratiespeeddating statt – drei unserer RedakteurInnen haben daran teilgenommen und schildern hier ihre Erfahrungen und Begegnungen

Speeddating? Das habe ich schonmal gehört. Demokratie? Auch.

Aber beides miteinander, in drei Stunden, an einem Ort? Das war mir als Konzept so unbekannt, dass ich mich am 18. Juni um 16:00 Uhr völlig ahnungslos, etwas nervös und sehr neugierig auf den belebten Universitätsplatz begab. Im Rahmen des „road to“ Festivals des DAI wurde sich hier unter dem Motto „Geschichten von vielen“ mit Herausforderungen der globalisierten und digitalen Welt auseinandergesetzt. In diesem Rahmen fand auch diese Aktion unter dem Titel: „Reden auf dem Uniplatz – Demokratiespeeddating“ statt.

Verfehlen konnte man die Veranstaltung aufgrund eines bemerkenswerten Aufmachers mit Sprechblasen aus Holz sowie vieler bunter Tische mit je zwei Hockern nicht. Kaum in die Nähe der Tische gekommen, wurde ich schon herzlich begrüßt und motiviert empfangen. Im Näherkommen sah ich auch, dass wirklich an alles gedacht wurde: es gab Fragen mit Stiften auf den Tischen und Menschen mit Megafon, die händeringend Teilnehmer suchten. Zunächst fehlte es jedoch an Anderen, an Gesprächspartnern, an meinen lang erwarteten Demokratiedates. So fand mein erstes Treffen mit drei weiteren Ahnungslosen im Schatten der Bäume statt, während wir die Suche nach anderen Gesprächssuchenden abwarteten. Nach kurzer Zeit gab es immerhin eine gerade Anzahl, vier, an Teilnehmern, die sich bereit erklärten, zehn Minuten so viele Fragen, wie gewünscht zu beantworten. So sprangen wir ins kalte Wasser und setzten uns in die pralle Sonne.

Bereits in meinem ersten offiziellen Gespräch kamen wir schnell, über die Fragen, die allesamt den Aspekt von Geschichten beinhalteten zur Geschichte des Gegenübers und so zu dem Menschen dahinter. Mit, wegen der Sonne zugekniffenen Augen und geöffneten Ohren, nahm ich nicht wahr, dass die Anzahl der besetzten Tische um uns rapide stieg und das Abzählen der Minuten aufgrund eifriger Gespräche ausgelassen wurde. Den mir gegenüber Sitzenden dafür umso intensiver. Eine halbe Stunde lang ignorierten wir auf diese Weise Zeit und Smalltalk über Alter, Studiengänge und Hobbys, sondern sprachen über Alzheimer, Lebensträume und Kindheitshelden.

In meinem nächsten Gespräch brauchte es noch nicht einmal mehr einen Fragenkatalog als Anlass zum vertrauten Gespräch mit einer mir bis zu diesem Zeitpunkt fremden Studentin. Nicht zuletzt die ausgelassene Stimmung der uns umgebenden Tischgespräche veranlasste auch uns, die Gelegenheit für ein Kennenlernen jenseits der gewohnten Floskeln zu nutzen. Vielmehr konnte ich auch in dieser Begegnung, neben der Zeit, die Fremdheit der anderen vergessen. Wie selbstverständlich diente der Rahmen plötzlich als Anlass, Geschichten über die Begegnungen mit anderen, die Umwelt, eigenen Fehlern und vielem mehr aus zu tauschen.

Da kein Treffen wie geplant nach zehn Minuten unterbrochen wurde, verließ ich nach anderthalb Stunden mit nur zwei offiziellen Demokratiedates die Veranstaltung. Mitgenommen habe ich, neben einem ordentlichen Sonnenstich, das Gefühl, vielleicht nicht den Geschichten von vielen, dafür aber zwei sehr vielschichtigen Geschichtenerzählern begegnet zu sein.

Von Paula Jemima Binder

 

Es geht wirklich nur darum, sich fünf Minuten Zeit zu nehmen und sich auf einen fremden Menschen und seine Geschichten einzulassen. Wir glauben, dass Menschen so wieder zueinanderfinden und man ein Erlebnis hat, das einen den Tag über begleitet, weil man etwas erfahren hat von einer Person, mit der man sonst nicht gesprochen hätte. – Evein Obulor, eine der VeranstalterInnen des Demokratie Speeddatings

Es ist etwas zu schwül und ich habe Durst.  Ich setze mich auf einen der vielen Hocker: dreieckige Sitzfläche aus Holz, grün lackierte Beine aus Metall. Etwas aufgeregt schaue ich mich um und beobachte die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Sie sind ins Gespräch vertieft, lachen oder hören aufmerksam zu. Lange muss ich nicht warten, da gesellt sich Caro zu mir. Hoffentlich bemerkt sie die Schweißflecken unter meinem Armen nicht.
Sie sei gerade zufällig vorbeigekommen. Die mit rotem Edding auf ein Flipchart gemalte Einladung „Hast du Lust auf ein Gespräch?“ habe ihr Interesse geweckt. Wir plaudern und lachen viel. Dann frage ich die 25-jährige, ob ich für den ruprecht über unsere Unterhaltung schreiben darf. Das müsse sie sich noch überlegen, antwortet sie und fragt: „Schreibst du auch literarisch?“
Innerhalb weniger Minuten haben wir eine Gemeinsamkeit gefunden: Sie schreibt hauptsächlich Gedichte, ich Prosa. Im Cafe Panonica organisiert sie Poesie-Abende, bei denen Dichterinnen und Dichter aus Heidelberg ihre Texte vorlesen. Sie lädt mich ein.
Schließlich kehren wir zu den Fragen zurück: Warum findest du Geschichten wichtig? Einen kurzen Moment lang ist es ruhig. Dann antwortet Caro: „Stell dir vor, du könntest nichts erzählen.“ Ich habe den Eindruck, dass diese Vorstellung sie wirklich beunruhigt. „Geschichten sind für Träumer“, ergänzt sie. „Wir müssen unsere Träume weitererzählen, um uns an sie erinnern zu können und uns gegenseitig zu inspirieren.“ Eine Herzenspoetin.
Sie fragt mich nach meiner Lieblingsgeschichte: „Das Märchen vom Zauberspiegel“ aus dem Roman „Momo“ von Michael Ende. Sie habe das Buch noch nicht gelesen, aber schon viel davon gehört. Es handelt von dem barfüßigen Mädchen Momo, die die Gabe hat, so zuzuhören, wie kein anderer Mensch auf der Welt – so, dass die Zeit scheinbar stillsteht. „Wie schön“, sagt sie. „Das sollte ich auch mal lesen.“ Wir tauschen weiter Literaturtipp aus.
Zur Verabschiedung umarmen wir uns. Ich verspreche Caro, beim nächsten Poesie-Abend im Panonica vorbeizuschauen. Da fällt mir ein, dass ich ein zweites Exemplar von „Momo“ zu Hause habe. Ich gebe es ihr gerne. „Dann bringe ich dir auch eins mit und wir tauschen“, strahlt sie.

Meine nächste Gesprächspartnerin ist Paula. Auch sie kam zufällig vorbei und wurde neugierig. Wir beginnen mit den Kennlernfragen. Ihr Traum ist es, über den Atlantik zu segeln: „Ganz alleine mit mir und dem Meer. Das Segeln gibt einem das Gefühl dafür, wie groß und gewaltig die Natur ist und wie klein wir sind.“ Den Gedanken hatte ich auch schonmal. Und gleich ist mir die 25-jährige noch ein bisschen sympathischer geworden. Paula gibt die Frage zurück: Was möchte ich in meinem Leben noch machen? Ein Kinderbuch schreiben. Keine Ahnung worüber genau, aber ein ernstes Thema soll es sein. Sie erzählt mir von einer Freundin, die an einem Kinderbuch über Alkoholismus arbeite. Sie könne uns connecten. Ich nehme das Angebot dankbar an.
Vorsichtig erzähle ich ihr, dass ich mich als Kind nur selten mit den Figuren identifizieren konnte. Die Helden in den Kinderbüchern waren in der Regel größer als ich, hatten hellere Haut und trugen deutsche Namen. Die Alis und Fatmas blieben oft nur Nebenfiguren, lediglich die Freunde von oder die Nachbarskinder, mit denen niemand spielen wollte. Ich habe etwas Angst, was Paula darauf erwiedern wird – vielleicht nerve ich sie mit dem Thema und nehme mich wichtiger als ich bin? Ich bin erleichtert, sie reagiert mit Verständnis. Erst letztens habe sie diese Diskussion geführt: „Eine Bekannte hat festgestellt, dass sie nicht Pipi Langstrumpf wäre. Sondern eines von den Südseekindern, das Pipi die Füße küsst. Wenn das die Botschaft ist, stellt sich für mich die Frage, wie wir Pipi lesen sollten.“
Aus einem ähnlichen Grund halte sie Geschichten für so wichtig: „Sie können einem Dinge vermitteln, die man sonst nicht verstehen kann. Sie ermöglichen einen Perspektivwechsel“, erklärt sie. Paula gestikuliert viel, wenn sie spricht. Ich habe den Eindruck, dass sie jedes Wort so meint, wie sie es sagt. Etwas in Eile verabschieden wir uns. Wir haben die Zeit aus den Augen verloren. „Ich wurde aufgehalten.“, sagt sie ins Telefon und winkt noch schnell, als sie geht.

Etwas heiser bleibe ich zurück. Ich sollte wirklich etwas trinken. Dankbar für die inspirierenden Unterhaltungen und Momente, in denen sich meine Gesprächspartnerinnen mir mitgeteilt haben, was sie bewegt, laufe ich nach Hause. Auf dem Weg denke ich nach: übers reden, zuhören und schweigen. Zu einem konkreten Schluss komme ich nicht. Aber: Geschichten helfen uns, Gemeinsamkeiten zu finden. Es ist wichtig, sie zu erzählen und andere zu ermutigen, ihre zu teilen. Es gibt unendlich viele Geschichten – und es sind noch lange nicht alle erzählt.

Von Eylül Tufan 

Es gibt nie nur eine Geschichte – weder zu einer Person, noch zu einem Land, noch zu einer Stadt. Nur eine Geschichte zu haben bedient Vorurteile und Stereotype. Das Problem von Vorurteilen und Stereotypen ist ja nicht, dass sie komplett falsch sind, sondern dass sie unvollständig sind. – Evein Obulor

 

Was wäre eine Demokratie, wenn niemand mehr miteinander spricht?
Funktionierende Demokratien leben davon, dass Menschen miteinander kommunizieren, egal ob sie dergleichen oder anderer Meinung sind. Dieses Prinzip hat man sich für die Aktion „Demokratiespeeddating“ zu eigen gemacht und Menschen auf dem Heidelberger Uniplatz dazu eingeladen, sich zu unterhalten und dabei kennenzulernen.
Zunächst war ich etwas skeptisch, ob das Konzept den gewünschten Erfolg bringen und sich über den üblichen Uni-Sprech und -Smalltalk hinausbewegen würde. Aber ich wurde eines Besseren belehrt. Die Gespräche, die ich an diesem Nachmittag geführt habe, waren alles andere als stumpfsinniger Smalltalk.
Als Gesprächsgrundlage dienten lediglich Leitfragen, wie beispielsweise „Was ist der letzte Film, den Du gesehen hast?“. Und diese wurden in zwei Blöcke eingeteilt: „Zum Kennenlernen“ und „Geschichten von vielen“.

An diesem Nachmittag war ich einer der ersten, der sich bei stehender Hitze auf dem Universitätsplatz mit anderen Interessierten trifft. Gerade sehr persönliche Fragen, wie beispielsweise „Was hast du mit deinem Gegenüber gemein?“ erleichterten es mir, meine Kommunikationspartner besser kennenzulernen und daraus entwickelte sich eine angenehme Unterhaltungsatmosphäre. Genauso heterogen, wie unsere Gesellschaft ist, waren die geführten Dialoge sehr unterschiedlich. Erst eigene Fragen, die wir uns fernab von den Leitfragen gestellt haben, regten mich besonders zum Nachdenken an und trugen dazu bei, dass in jeder Begegnung die vorgegeben Zeit deutlich überschritten wurde, was eindeutig für das ungezwungene Konzept der Veranstalter spricht. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt dabei ertappt, wie ich auf meine Uhr schaute oder gelangweilt mein Smartphone zückte, um den neusten Newsfeed zu checken.
Veranstaltungen wie diese, können einen kleinen Betrag dazu leisten, dass Menschen wieder mehr von Angesicht zu Angesicht miteinander reden. Und das kann dabei präventiv gegen die zunehmende Vereinsamung in manchen Gesellschaftsschichten wirken. Interessant wäre es sicher gewesen, das Konzept zu erweitern und Menschen miteinander reden zu lassen, die eine konträre politische Meinung haben. Das würde eventuell eine Chance bieten den Hass und den Beleidigungen, wie es sie vor allem in sozialen Netzwerken vorherrschen, entgegenzuwirken.

Ich frage mich, ob damit auch Leute angesprochen werden, die sich weniger für Politik oder Meinungen anderer Menschen außerhalb der eigenen Meinungsblase. Mir kam es auch im Großteil der Gespräche so vor, dass sich meine politische Einstellung mit dem meines Gegenübers deckt.
Andere erfolgreiche Konzepte aus der jüngsten Vergangenheit sind „Deutschland spricht!“ und „Europa spricht!“. Ähnlich wie beim „Demokratiespeeddating“ ist man auch bei Ersterem vorgegangen, das unter anderem von Zeit Online und anderen Medienunternehmen initiiert wurde. Um Gesprächspartner mit besonders konträren Einstellungen zusammenzubringen, wurden die Teilnehmenden über einen Zufallsgenerator gematcht. Das Format „Europa spricht!“ versuchte die Streitkultur in Europa zu beleben, indem man Menschen zuteilte, die so über aktuelle Fragen diskutieren konnten.

Von Jean-Claude Jenowein

Wir möchten zeigen, dass es wesentlich mehr Geschichten gibt, unsere Gesellschaft, sehr viel vielfältiger und diverser ist als es der Diskurs uns vorspielt. Um auch diese Geschichten – seien sie von Menschen, die Rassismus erfahren oder Menschen, die irgendeine Art von Diskriminierung erfahren – sind nie alleine. Es sind immer viele Menschen, die diese Erfahrungen machen. Es geht nie nur um eine einzige Person. Die Geschichten, die vom Diskurs überhört werden, sind sehr viele. – Evein Obulor

Neugierig geworden? Morgen, am Dienstag den 25. Juni findet nochmal ein Speeddating von 15-19 Uhr auf dem Uniplatz statt.

 

 

 

Hinterlasse hier deinen Kommentar!

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die markierten Felder müssen ausgefüllt werden. *

*

Scroll To Top