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Pille gegen Prüfungsstress
Viele bunte Tabletten: Die Wirkstoffe reichen von Coffein bis Amphetamin. Foto: aro

Pille gegen Prüfungsstress

„Gehirndoping“ findet unter Studierenden immer mehr Anklang. Die Präparate bergen jedoch Risiken

Welcher Student kennt es nicht: Die Prüfungen rücken immer näher. Der Stoff des ganzen Semesters muss sitzen. Die Konzentrationsfähigkeit sowie die Gedächtnisleistung werden herausgefordert. Aufgrund dieses Leistungsdrucks greifen immer mehr Studenten neben dem legalen Koffein in Kaffee, Tee oder Tabletten auch zu verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Diese sollen die Konzentration erhöhen, Müdigkeit bekämpfen und das Gedächtnis verbessern. Bis zu 30 Prozent der Studenten in den USA haben laut anonymer Umfragen bereits ein- oder mehrfach verschreibungspflichtige Medikamente wie zum Beispiel Ritalin benutzt, um effektiver, konzentrierter und schneller lernen zu können. Für Deutschland geht man hingegen von deutlich geringeren Zahlen zwischen fünf und 13 Prozent aus. Doch die Zahl der Anwender nimmt auch hierzulande mit dem wachsenden Leistungsdruck immer weiter zu.

Oft stammen die Arzneimittel aus dem Familien- und Freundeskreis der Anwender oder werden viel zu leichtfertig nach Vortäuschung bestimmter Symptome von Ärzten verschrieben.

Allgemein müssen verschiedene Kategorien der sogenannten „Neuroenhancer“ unterschieden werden: Am weitesten verbreitet sind die Stimulanzien Methylphenidat (Ritalin), Amphetamin und Modafinil, die in der Therapie von ADHS und der Schlafkrankheit Narkolepsie ihren größten medizinischen Anwendungsbereich finden. Seltener werden verschreibungspflichtige Arzneistoffe gegen Alzheimer-Demenz wie Donepezil als „Hirndoping“ missbraucht, aber auch frei verkäufliche, pflanzliche Präparate wie Ginkgo-Extrakt.

Die Stimulanzien greifen in die natürlichen Prozesse an den Synapsen ein, indem sie die Konzentration von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin erhöhen. Dies verringert Ermüdungserscheinungen, während es die Ausdauerfähigkeit, Konzentration und Fokussiertheit auf eine bestimmte Tätigkeit erhöht.

Dieser Eingriff in das natürliche Gleichgewicht der Neurochemie führt jedoch oft zu erheblichen Nebenwirkungen wie Herz-Rhythmus-Störungen, Übelkeit, Nervosität, Depressionen sowie Appetit- und Schlaflosigkeit. Insbesondere bei Überdosierung können sogar irreversible Psychosen auftreten. Durch regelmäßigen missbräuchlichen Konsum werden Körper und Gehirn gezwungen, dauerhaft auf Hochleistung zu arbeiten. Die natürlichen Warnsignale Erschöpfung und Müdigkeit werden durch die Einnahme der Substanzen unterdrückt.

Medizinische Studien haben außerdem gezeigt, dass Stimulanzien ihre größte Wirkung zeigen, wenn ein Leistungsdefizit besteht. Sie helfen also vor allem bei Menschen mit Müdigkeit nach Schlafentzug und mit starken Konzentrationsschwierigkeiten. Bei gesunden, ausgeruhten Menschen, die sich bereits nahe an ihrem Leistungsmaximum befinden, ist hingegen nur eine geringe Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit zu beobachten – wenn nicht sogar eine Leistungsminderung. Auch bei den Arzneimitteln gegen Alzheimer-Demenz wie Donepezil konnte bei gesunden Menschen keine signifikante Leistungssteigerung festgestellt werden. Allerdings traten vielerlei Nebenwirkungen auf, etwa Durchfall, Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen, Zittern, Appetitlosigkeit sowie Halluzinationen, Erregungszustände und aggressives Verhalten.

Trotz des hohen gesundheitlichen Risikos erzielen gesunde Menschen durch den missbräuchlichen Konsum von Arzneimitteln also nur einen vergleichsweise geringen Nutzen. Generell ist es nicht zu empfehlen, sie zur kognitiven Leistungssteigerung einzunehmen.

Eine Pille zu schlucken, die intelligenter macht und dem Anwender das selbstständige Lernen und Denken erspart, ist nach dem derzeitigen Stand der neurologischen Forschung noch nicht möglich. Die eigentlich zentrale Frage ist jedoch nicht, wie man sein Gehirn maximal optimieren kann – sondern ob für Studierende überhaupt eine Notwendigkeit zum Gehirndoping besteht. Meist wird das nicht der Fall sein. Das Gleiche gilt für Berufstätige und allgemein für Personen mit starkem Leistungsdruck.

In vielen Fällen sorgt die zunehmende Furcht, nicht den Erwartungen des von Fortschritt, Leistung und Erfolg dirigierten Gesellschaftssystems zu entsprechen, zu Stressreaktionen. So werden trotz zahlreicher Risiken künstliche, pharmakologische Optimierungsversuche unternommen. Allerdings pflegt der Mensch schon seit Jahrtausenden, sich auf natürliche Weise stets zu optimieren und sich neu zu erfinden. Er lernt aus seinen Fehlern und schlägt neue Wege ein. Ganz ohne Gehirndoping hat es die Menschheit geschafft, sich von einfachen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, deren einziges Ziel das Überleben war, zu komplexen Hochkulturen zu entwickeln. Wozu sollte man also mit einer Pille nachhelfen wollen?

Von Adrian Roether

Ein Kommentar

  1. Und dann gibt es noch die Studierenden, die auf Medikinet angewiesen sind, um das Studium halbwegs gut zu schaffen. Mit einer Aufmerksamkeitsspanne von teilweise unter 3 Minuten lässt sich nämlich sonst nicht viel hinkriegen. Also unter ärztlicher Aufsicht ist dieses Zeug durchaus wichtig.
    Aber ich hatte lange Angst zu sagen, dass ich darauf angewiesen bin, da es so viele missbräuchlich verwenden.

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