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Immer noch nicht vom Tisch
Foto: Philip Hiller

Immer noch nicht vom Tisch

Weniger Studierende, weniger flexible Arbeitszeiten – trotz unbefristeter Verträge lässt die Situation der Beschäftigten beim Studierendenwerk nach wie vor zu wünschen übrig

„Transparent, kooperativ, leistungsorientiert.“ So hat Tanja Modrow vergangenen November gegenüber dem ruprecht ihren Führungsstil beschrieben. Seit dem Amtsantritt der neuen Geschäftsführerin hat sich beim Studierendenwerk tatsächlich einiges gewandelt. Die Beschäftigten berichten aber nicht nur von positiven Veränderungen. Der ruprecht hat Kontakt zu Beschäftigten, Gremienvertretern und dem Studierendenwerk aufgenommen.

Die studentischen Beschäftigten der Zeughaus-Mensa, des Marstall-Cafés und des Café Botanik bemängeln vor allem das Arbeitsklima und die Arbeitsbedingungen. Immer mehr Studierende kündigen, teilweise studienbedingt – sie werden aber nicht durch Kommilitonen ersetzt, sondern durch ausgebildete Fachkräfte in Vollzeit.

Das Studierendenwerk bestätigt, dass derzeit „Fachkräfte für die verschiedensten Bereiche“ gesucht werden. Aktuell werde noch an einem Konzept für die Beschäftigten gearbeitet, dass ein Verhältnis von 65 Prozent Fachkräften und 35 Prozent Studierenden vorsieht. Seit Oktober 2018 haben, je nach Angabe, zwölf bis 20 Studierende ihre Stellen freiwillig verlassen. Weitere 90 arbeiten derzeit im Thekendienst, davon 80 unbefristet. Die studentischen Beschäftigten werden aber nicht proportional durch Fachkräfte ersetzt, da der Thekendienst unter diesen als unattraktiv gilt. Das liegt unter anderem daran, dass das Trinkgeld bei der elektronischen Zahlungsweise mit der Campus-Card entfällt.

Darüber hinaus hätten sich nach Angaben mehrerer Mitarbeiter die Arbeitsbedingungen merklich verschlechtert. Beispielsweise steht den Beschäftigten gemäß Tarifvertrag der Länder bezahlter Urlaub zu. Laut Informationen, die dem ruprecht vorliegen, gestaltet sich der Antrag auf Urlaub jedoch schwierig, weil Vollzeitbeschäftigte bevorzugt und Studierende teilweise keine Antwort auf ihren Antrag erhalten würden. Weiterhin ist es nun nicht mehr möglich, Überstunden im Voraus anzusammeln, um diese dann als Urlaub wieder abzubauen – oder auch für Auslandsaufenthalte, Hospitanzen und Praktika zu nutzen. Ehemaligen Beschäftigten zufolge geht dies darauf zurück, dass der Personalmangel es erschwert, die ausfallenden Schichten zu füllen.

Infolgedessen beschreiben Studierende das Arbeitsklima als angespannt. Betroffen davon ist vor allem die Beziehung zwischen studentischen Mitarbeitern und Fachkräften. Letztere nahmen an den Demonstrationen des Vorjahres mehrheitlich nicht teil, sondern beäugten diese eher kritisch. Zu diesen Vorwürfen bezieht auch das Studierendenwerk Stellung.

Unter den Beschäftigten beim Studierendenwerk machen schon länger Gerüchte über Personalabbau die Runde. Nachdem im Zuge negativer Berichterstattung und Protestaktionen im Frühjahr 2018 Tagesarbeitsverträge den Tarifverträgen gewichen waren, wurden die studentischen Beschäftigten auf ein halbes Jahr befristet angestellt. Daraufhin sollten diese Verträge verlängert werden. Bei der Entfristung wurden jedoch nicht alle studentischen Beschäftigten berücksichtigt.

Einer der Beschäftigten beim Studierendenwerk äußerte dem ruprecht gegenüber, dass er ein Problem darin sehe, dass Geld mit Wertschätzung verwechselt werde. Trotz Lohnerhöhung hätte sich das angespannte Arbeitsklima kaum verbessert. Das Studierendenwerk stelle sich vor, wenn es den Beschäftigten nur genug Geld zahle, wären die schon zufrieden. Was die meisten jedoch wollten, sei weniger Stress. Informationen des ruprecht zufolge erfolgte eine Hochstufung der studentischen Beschäftigten auf die Entgeltgruppe der Vollzeitler. Dies geschieht laut Studierendenwerk im Einvernehmen mit dem Personalrat. Gemäß dem Tarifvertrag der Länder entspricht das der Entgeltgruppe 2. Vorher sollen die studentischen Beschäftigten nach Entgeltgruppe 1 besoldet worden sein. Die gleiche Einstufung sorgte unter Fachkräften für Unmut, da die Qualifikationen unterschiedlich sind.

Andere Neuerungen haben ebenfalls Folgen. Dass Überstunden nicht mehr ausgezahlt werden können, hat manche zum Rückzug gezwungen. Das Studierendenwerk gibt auf Anfrage an, dass dies dem Wunsch der Beschäftigten entspreche, da sie sonst Sozialabgaben leisten müssten.

Einige Beschäftigte müssen wegen ihres Studiums im Sommer Exkursionen unternehmen. Um solche Fehlzeiten auszugleichen, arbeiteten sie bisher Monate im Vorhinein daran, Überstunden anzusammeln. Mit der neuen Regelung ist das aber nicht mehr möglich. Manche Studierende sind deshalb nicht länger im Thekendienst beschäftigt – sondern nur noch im Catering, wo aufgrund der spontanen, flexiblen Arbeitszeiten eine längere Abwesenheit in Kauf genommen werden kann. Auch andere Studierende wurden durch die neue Regelung gezwungen, den Thekendienst zu verlassen. Eine Beschäftigte habe ihren Arbeitsplatz kündigen müssen, weil sie ein Praktikum angetreten habe, erfuhr der ruprecht. Überhaupt seien die Schichtpläne sehr viel weniger flexibel geworden. Von den studentischen Beschäftigten werde erwartet, sich an kurzfristig geänderte Schichtpläne anzupassen. Andersherum hätten sie selbst keinen Spielraum, ihre Arbeitszeiten selbst einzuteilen. Flexibilität nur in eine Richtung trägt für viele Beschäftigte zum Verdruss in der Belegschaft bei. Andererseits zeigen einige Beschäftigte auch Verständnis für Modrow. Sie stehe wegen der hohen Ausgaben des Studierendenwerkes von Seiten des Landesrechnungshofes unter Druck. Laut einer Denkschrift desselben sind diese zu hoch und sollen ab 2020 gesenkt werden. Momentan erhält das Heidelberger Studierendenwerk Finanzhilfen in Höhe von insgesamt 21,7 Millionen Euro. Diese sollen ab dem nächsten Jahr reduziert werden. Konkret bedeutet dies eine Erhöhung der Kosten. Davon könnten etwa die Mieten in den Wohnheimen, die Preise in den Mensen und der Semesterbeitrag betroffen sein. Auch ein Unkostenbeitrag für die Psychosoziale Beratung wird diskutiert.

Außerdem sieht sich das Studierendenwerk gezwungen, seine Ausgaben herunter zu schrauben. Durch eine Preiserhöhung, aber vielleicht eben auch durch Personalabbau. Dem ruprecht gegenüber wird vom Studierendenwerk bestätigt, dass ausgleichende Maßnahmen erforderlich sind. Andererseits ist auch abzuwägen, inwieweit das Studierendenwerk verpflichtet ist, studentische Beschäftigte einzustellen. Ein Recht auf Anstellung gibt es nicht. Es stellt sich die Frage, ob es diese Option anbieten sollte. Nun geht es auch nicht ausschließlich um Studierende, sondern auch um die Fachkräfte, mit denen sich besser planen lässt. Obwohl das Studierendenwerk eine Anstalt des öffentlichen Rechts ist, muss es auch wirtschaftlich arbeiten. Unbegrenzte Ressourcen stehen dabei nicht zur Verfügung.

Letztendlich bleibt den studentischen Beschäftigten vor allem eine Möglichkeit, um ihre aktuelle Situation zu verbessern: sich zusammentun und weiterkämpfen. Laut Alexander Ropohl, ehemaliger Leiter des AK Studierendenwerk und Mitorganisator der Aktion „Suppe versalzen!“ sind die kommenden Wahlen zum Personalrat dabei am wichtigsten. Es werden auch drei studentische Kandidaten zur Wahl antreten. Dadurch könnten sie die aktuelle Personalpolitik für die nächsten fünf Jahre mitgestalten.

In jedem Fall wird deutlich, dass beide Seiten an einem Strang ziehen müssen. Der Konflikt zwischen rechtlichen Zwängen, finanziellen Kalkülen und Interessen der verschiedenen beteiligten Gruppen lässt erahnen, wie komplex sich eine Lösungsfindung gestalten muss – zumindest dann, wenn letztlich alle Seiten zufrieden sein sollen.

Von Lukas Jung und Stefanie Haas

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