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Wenn ich groß bin, geh’ ich zur Uni
Wer mittwochs zum Stammtisch will, muss nach dem roten Fähnchen suchen

Wenn ich groß bin, geh’ ich zur Uni

Als Erster in der Familie zu studieren birgt viele Schwierigkeiten. Der gemeinnützige Verein „Arbeiterkind“ klärt auf und hilft

Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 79 ein Studium. Bei Kindern mit Eltern ohne Hochschulabschluss sind es nur 27. Diese Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigen eine noch immer bestehende Bildungsungerechtigkeit in Deutschland. Der gemeinnützige Verein „Arbeiterkind“ will der Ungerechtigkeit durch Beratung und Aufklärung entgegenwirken.
„Arbeiterkind“ ist eine Studienberatung, insbesondere für die, in deren Familie noch keiner studiert hat. Das Ziel des Vereins ist es auch Schülerinnen und Schüler aus Nicht-Akademiker-Familien zu einem Studium zu ermutigen. Insgesamt sind bei dem Netzwerk 6 000 Ehrenamtliche an 75 lokalen Standorten aktiv. Heidelberg ist einer davon. Im Jahr 2018 hat „Arbeiterkind“ bundesweit über 13 600 Schüler und Schülerinnen unterstützt und informiert.
Die Heidelberger Gruppe hält regelmäßig Stammtisch im Marstall. Neben einer Eröffnungsrunde für neue Teilnehmende werden Aktionen wie Vorträge oder Bildungsmessen geplant und nachbereitet. Dabei kommt auch die eine oder andere Anekdote zur Sprache. So wird das Motto „Für alle, die als Erste in ihrer Familie studieren“ manchmal falsch verstanden. Kürzlich wollte eine besorgte Akademiker-Mutter sich für ihren Sprössling informieren. Er sei ja das erste ihrer Kinder, das nun ein Studium beginnt.
Häufig geht die Motivation, sich zu engagieren mit persönlichen Erfahrungen einher. Die meisten der Heidelberger Aktiven stammen selbst aus Nicht-Akademiker-Haushalten. Sie mussten selbst Hürden überwinden und wollen es deshalb nun anderen leichter machen. „Für mich war das Studium so etwas Offenes, ohne konkretes Ziel, nichts ‚Gescheites‘. Deshalb hat es mich viel Überwindung gekostet so einen Schritt zu wagen“, erzählt Diana Kara. Aber auch Fragen der Finanzierung können zum Problem werden. Zwar gäbe es an der Universität zahlreiche Programme, wie etwa Notlagenstipendien, diesen mangele es aber häufig an Bekanntheit. „Bei mir war es das Zeitmanagement. Minijob, Zuhause und Uni lagen bei mir weit auseinander und ich wusste zuerst nicht mal, dass es anderen nicht so geht“, berichtet die ehrenamtliche Mentorin Stanislava Schwalme.
Doch nicht nur das Elternhaus, sondern auch die Schulart hat bekanntlich großen Einfluss auf die Zukunftsplanung. Der zweite Bildungsweg wird häufig gar nicht in Betracht gezogen. Eine Ehrenamtliche nennt es den „Weitblick“, der ihr manchmal gefehlt habe. „Mir ist es wichtig, dass wir auch in Hauptschulen gehen, was erstmal abstrus klingt, weil das ja so weit weg vom Studium ist“, so Sven Rothlübbers über „sein Herzensthema“. Es sei für ihn ein Erfolg, wenn zumindest einer in einem Hauptschuljahrgang nach seinen Vorträgen in Erwägung zieht, einen anderen Weg zu wagen. Sven machte seinen Hauptschulabschluss und anschließend eine Ausbildung, bis er überhaupt davon erfuhr, dass es so etwas wie Abendschulen gibt. Nachdem er sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, begann er schließlich sein Bachelorstudium. Letztendlich ausschlaggebend für diesen großen Schritt war für ihn unter anderem „Arbeiterkind“.
Um möglichst viele Personen zu ermutigen, hat der Verein verschiedene Ideen und Ansätze. Zu seinen drei Schwerpunkten gehören zunächst Schulbesuche, bei denen die Freiwilligen Vorträge halten und über Studienmythen aufklären. Weit verbreitet sei beispielsweise die Annahme, dass Stipendien nur etwas für Jahrgangsbeste seien. Ein weiteres Ziel ist es, für Transparenz an der Uni selbst zu sorgen, insbesondere zum Thema Finanzierung. Der dritte Punkt ist der Ausbau und Erhalt des bundesweiten Netzwerkes. Für diese Arbeit kooperiert „Arbeiterkind“ über ihre Baden-Württemberg-Koordinatorin Jaana Espenlaub mit Abgeordneten, Schulen, Hochschulen und Unternehmen. Lobbyarbeit, die sich auszahlt: Zu den Erfolgen der Kooperationen gehören Veranstaltungen an Hochschulen zu Stipendien oder ein Buddy-Programm zwischen Studierenden und bereits im Beruf Stehenden.
Für so ein umfangreiches Konzept braucht es viele Helfer. Wer sich selbst im Verein einbringen möchte oder Fragen zum Studium hat, wird mittwochs um 20 Uhr im Marstall freudig empfangen.

Von Rebecca Möbius

Ein Kommentar

  1. Hallo!
    Eine kleine Berichtigung im Artikel 🙂
    Wir treffen uns immer am ersten und dritten Mittwoch des Monats im Marstall, nicht an jedem Mittwoch.

    Schaut gerne bei uns vorbei, wir freuen uns!
    https://netzwerk.arbeiterkind.de/toro/resource/html?locale=de#!entity.24908

    Viele Grüße
    Beatrice

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