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Ein halblauter Ruf

Ein halblauter Ruf

Auf Wunsch des Kurfürsten Karl Friedrich sollte Baruch de Spinoza im Jahr 1673 Professor in Heidelberg werden. Dafür war er seiner Zeit jedoch zu weit voraus

Unsere Alma Mater, die altehrwürdige Universität Heidelberg („Zukunft seit 1386“), hat immer schon Gelehrte von weither angezogen. Bisweilen hat sie diese auch abgeschreckt. Aber der Reihe nach.
Baruch de Spinoza war ein berühmter niederländischer Philosoph des 17. Jahrhunderts. Heute wird er als Vorreiter des freiheitlichen und toleranten Denkens der Neuzeit gesehen. Spinoza hat sich für Redefreiheit und gegen die weltanschauliche Hoheit der Kirche stark gemacht. Das dogmatische religiöse Denken, das damals noch selbstverständlich war, lehnte er ab. Für die damalige Zeit war sein Denken revolutionär. Trotz Spinozas Bekanntheit unter den zeitgenössischen Gelehrten war er jedoch nie mit einer Universität verbunden. Stattdessen bestritt er seinen Lebensunterhalt als Linsenschleifer und widmete sich der Philosophie bloß in seiner Freizeit.
Diese Beschäftigung brachte ihm beizeiten die Aufmerksamkeit des pfälzischen Kurfürsten Karl Ludwig ein. Der Monarch hatte Gefallen an Spinozas Denken gefunden und wollte ihn 1673 als Professor für Heidelberg gewinnen. Dazu wandte er sich an seinen Berater Fabritius, seines Zeichens Ordinarius der Heidelberger Universität. Karl Ludwig schätzte und vertraute dem Philosophen und Theologen. Im Auftrag des Fürsten sollte Fabritius einen Ruf an den stillen, einsam lebenden Schöngeist in Den Haag verfassen.
Allerdings war Fabritius als strikter Calvinist dem unkonventionellen Werk des Niederländers alles andere als wohlgesonnen. Spinoza hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er alle Religion im gewöhnlichen Sinn ablehnte. Mit seiner radikal freidenkerischen Philosophie war er seiner Zeit weit voraus. So lehnte er nicht nur staatliche Gängelung der freien Rede ab, sondern focht auch das weltanschauliche Dogma der Religionen an. Wegen dieser Einstellung war er bereits in jungen Jahren mit Schimpf und Schande aus seiner jüdischen Gemeinde in Amsterdam verstoßen worden.
Fabritius nun hegte – wie die meisten Theologen – eine tiefe Abneigung gegen Spinozas „zügellose“ Kritik des Christentums. Er beugte sich aber dem Willen seines Herrn und lud den leidenschaftlichen Freidenker zähneknirschend an seine Seite im Kollegium der philosophischen Fakultät.
Im selben Brief mahnte er Spinoza, die versprochene Freiheit des Philosophierens „nicht zur Störung der öffentlich anerkannten Religion [zu] missbrauchen“. Obwohl Fabritius vorgeblich den Willen des Kurfürsten wiedergab, handelte er hier wohl eigenmächtig – und dieser Affront gegen den Adressaten dürfte kaum im Sinne Karl Ludwigs gewesen sein.
Vermutlich wollte der strenggläubige Christ Fabritius den berüchtigten Häretiker Spinoza abschrecken, indem er eine kaum verhohlene Drohung in das Anschreiben einfließen ließ. Sein offener und liberaler Fürst hätte dafür kaum ein Motiv gehabt, zumal ja schon die Initiative zu der Berufung vom Herrscher über die Pfalz ausgegangen war.
Auch ansonsten wirkt Fabritius hier auffallend kühl und distanziert. So behauptete er eingangs, Spinoza sei ihm bisher gar nicht bekannt gewesen. Ein Historiker urteilte später, solch eine Formulierung sei nur dann sinnvoll, wenn man den Empfänger „vor den Kopf zu stoßen beabsichtigt“.
Spinoza lehnte denn auch ab. Zum einen seien ihm ein ruhiges Leben und viel Zeit für seine Theorien wichtig, was sich mit öffentlichen Vorlesungen kaum vereinbaren ließe. Auch wies er ganz ausdrücklich darauf hin, dass die Einladung nach Heidelberg ihm keinerlei Sicherheit bot: Er wisse nicht, wie weit er die Freiheit der Philosophie treiben könne, ohne als religionsfeindlicher Aufrührer zu erscheinen. Schließlich säe die menschliche Streitsucht selbst über „das richtig Gesagte“ zuverlässig Zwietracht.
Fabritius sollte wenig später die Universitätsbibliothek vor den einmarschierenden Franzosen retten. Spinozas Schriften jedoch wollte er nicht verbreitet sehen. Er hielt es für „äußerst gefährlich“, diese Texte in Deutschland unter Studenten zu verteilen. Auch helfe es nicht, gegen sie anzuschreiben: Widerlegungen seien nur schwer zu verstehen und die meisten Leser würden sie nicht genügend schätzen. Deswegen, so Fabritius gegenüber einem Vertrauten, sollte man Spinozas Texte besser „unterdrücken“. Viel Erfolg hatte er damit nicht: Spinoza hatte bleibenden Einfluss auf das Denken der westlichen Welt. Heute wird er auch an der Universität Heidelberg gelehrt.

Von Lukas Jung

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