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Enttäuschte Erwartungen
Die Kinder aus den Ferienlagern sind unserem Redakteur ans Herz gewachsen. Foto: Foto: Regina Danilovna Yamaletdinova

Enttäuschte Erwartungen

Die internationale Studierendenorganisation AIESEC vermittelt weltweite Auslandspraktika. Unser Redakteur war in Russland und schildert, ob das Angebot hält, was es verspricht

August 2018. Ich befinde mich irgendwo in Zentralasien. Eigentlich bin ich hier, um „Leadership Development“ in Ferienlagern zu unterrichten. Monatelang habe ich mich darauf vorbereitet, zahlreiche Präsentationen über Deutschland und Englisch-Aufgaben konzipiert. Aber dann wache ich völlig verkatert in einer Baracke auf.
Einige Monate zuvor standen zwei Vertreter von AIESEC in meiner Vorlesung. Die internationale Studierendenorganisation hat zum Ziel, Völkerverständigung zu fördern. Mit wenigen Klicks schicke ich meine Bewerbung ab und skype dann mit meiner Ansprechpartnerin in Russland.
Mir war zwar klar, dass die Vermittlung von Auslandspraktika durch AIESEC nicht kostenlos ist – meine Ausgaben habe ich aber deutlich unterschätzt. Neben den Gebühren von 400 Euro muss ich noch die Flugtickets kaufen und mich um Visum und Versicherungen kümmern. Fürs Bett und Essen ist in den Ferienlagern allerdings gesorgt. Dafür hat mich das chronische Chaos im Verein überrascht. Als ich in der ersten Woche bei meiner Gastfamilie übernachte, hat niemand eine Ahnung, wann, wo und mit welchen Aufgaben ich eingesetzt werde.
An meiner ersten Einsatzstelle stehe ich täglich um sechs Uhr auf und trage zusammen mit einer chinesischen Studentin Verantwortung für zwanzig Kinder. All meine Mühen in den Monaten zuvor waren umsonst. Die Direktorin des Lagers gibt uns Übungsblätter, die wir mit den Kindern im Unterricht bearbeiten sollen. Ich halte keinen einzigen Vortrag über Deutschland und erkläre auch nichts zum Thema „Leadership Development“. Nach der Arbeit bin ich davon erschöpft, 24/7 Kinder zu bespaßen und Ausflüge zu planen. Das alles wird mir nach nur einer Woche zu viel.
Im zweiten Lager bleibe ich zwei Wochen lang. Diesmal mit 200 Kindern. Ich kann nicht mehr mein Zimmer verlassen, ohne von einem halben Dutzend Kinder umarmt zu werden. Mittlerweile unterrichte ich nicht mehr, sondern betreue nur noch – wir spielen Lasertag, Theater, veranstalten Wettbewerbe. Auch wenn das Praktikum nicht meinen Erwartungen entsprach, habe ich dadurch mehr Selbstvertrauen gewonnen und die Fähigkeit erlangt, trotz Unsicherheit ruhig zu bleiben. Ob ich ein solches Praktikum noch einmal machen würde, kann ich nicht sagen. Selbst wenn ich einige schöne Erinnerungen gesammelt habe, wirkten die Studenten von AISEC eher interessiert am Feiern und an ihren eigenen Lebensläufen, als an den Kindern. Obwohl ich anfangs dachte, dass ich insgesamt sechs Wochen in Ferienlagern verbringen würde, war die Hälfte der Zeit für das Einleben und Reisen angedacht gewesen. Schwerpunkt der Reise war also weniger das Praktikum, sondern der Spaß. Aber das habe ich erst verstanden, nachdem ich verkatert in der Baracke aufgewacht war.

Von Eduard Ebert

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