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360° – Hip Hop in und aus Heidelberg
Foto: Carolina Hoffmann

360° – Hip Hop in und aus Heidelberg

Die 360°-Ausstellung geht heute in die letzte Runde. Nur noch heute läuft die Veranstaltung zum 25-jährigen Jubiläum des Heidelberger Hip Hop Labels im Café Leitstelle des Dezernats 16 in Bergheim. Ab 18 Uhr findet dann die Finissage statt mit Musik von Haltsmaulwurf und DJ Step. 360°, entstanden aus der Band Advanced Chemistry, ist ein deutsches Hip Hop Label aus Heidelberg. Mitbegründer und weiterhin dabei sind unter anderem Szenebekannte wie Torch und Toni L. Bryan Vit, selbst Doktorand an der Uni Heidelberg, fungierte als Kurator.

Nachdem Torch die Auswahl an Exponaten zur Verfügung stellte, galt es den Raum des Cafés möglichst geschickt zu nutzen. Neben einer Ecke, die sich ganz den Anfängen als Advanced Chemistry widmet, liegt der Fokus im Bühnenbereich ganz klar auf Toni L und Torch, zwei der zentralen Figuren des Heidelberger Hip Hops. Ein Jam Plakat zum 10-jährigen Jubiläum von 360° erkärt Bryan Vit genauer: „Das ist eine Rekontextualisierung eines Fotoband-Covers von Jamel Shabazz aus 2003. Sie haben das genommen, ihre Köpfe darauf gesetzt und so den amerikanischen Hip Hop in den deutschen Kontext gesetzt.“

Dies solle ein wenig die Beziehung zum New Yorker Hip Hop, den Ursprüngen des Hip Hop, herstellen. Neben einer Reihe von LPs, sind außerdem Platten diverser Künstler ausgestellt, die bei dem Label unter Vertrag stehen. Die Säule in der Mitte des Cafés wurde anlässlich des Jubiläums neu gestaltet. Gemalt vom Heidelberger Künstler Malique Pansini, stellt nun auf jeder Seite des Pfeilers, eine abstrakte Figur, vier der zentralen Elemente des Hip Hop dar und bereits beim Versuch den ersten Begriff richtig zu schreiben, muss Bryan Vit schnell weiterhelfen. E-M-C-E-E-I-N. „Es ist ja nicht Rap, sondern Emceein. Das ist wichtig, weil wir ein eigenes Vokabular haben. Wir arbeiten mit eigenen Begriffen, haben eine eigene Systematik.“ Außerdem das Deejayin und B-Boyin/ B-Girlin. Letzteres erklärt er mir, sei eben auch nicht Breakdancing, denn dieser Terminus sei von den Medien eingeführt worden.

Die letzte Seite des Pfeilers gehört dem Graffiti Writing. Und in diesen vier Kategorien spiegele sich auch das fünfte offizielle Element wider: „Knowledge, also Wissen. Es geht darum, dass Hip Hop eben eine Form des Lernens ist, des Verstehens und Anwendens von verschiedenen Kommunikationsformen und ihr Verhältnis zur Gesellschaft. Im interaktiven Gästebuch kann ich am Ende noch selbst aktiv werden. Es sei ihm wichtig gewesen, weil das Tagging ein wesentlicher Bestandteil der Hip Hop Kultur sei, meint Vit. Es spiegele aber auch ein urmenschliches Verlangen wider, die eigene Existenz auf diese Art zu verewigen.

Was auffällt ist aber vor allem auch: Es gibt keine schriftlichen Erklärungen im Raum und ohne Hintergrundwissen stehe ich im ersten Moment etwas verloren im Raum. Ganz unbeabsichtigt ist das allerdings nicht. Zum einen sei das Budget schlichtweg zu knapp gewesen. Zum anderen zeige dies den Menschen aber auch, dass es die Netzwerke und den Erfahrungswert derer, die dabei waren, brauche, um die Dinge zu verstehen. Es sei wichtig im Umgang mit anderen Institutionen und Interessierten, aufzuzeigen, dass die eigene Arbeit wertgeschätzt und anständig bezahlt gehöre. Hip Hop werde immer noch stiefmütterlich behandelt und auf diese Art werde deutlich gemacht, dass Fachwissen gebraucht wird.

Auch die Analyse durch Wissenschaftler anderer Disziplinen werde dem Phänomen Hip Hop in seiner Gesamtheit nicht gerecht, meint Vit: „Man kann mit allen anderen Disziplinen zusammenarbeiten, aber es braucht dafür den Durchblick, damit man sieht, was in dieser ganzen Komplexität überhaupt gefasst wird. Damit das alles zusammenkommt und dieses Phänomen dann nicht zu einseitig beleuchtet wird. Das wäre zu einfach.“ Fragen stellen sei aber wiederum absolut erwünscht und auch ich als absolute und offene Unwissende habe am Ende das Gefühl, ein kleines bisschen besser zu verstehen, was es mit dem Ganzen auf sich hat.

Die Ausstellung läuft im Rahmen eines größeren Projekts, der Etablierung des Heidelberger Hip Hop-Archivs, erklärt Bryan Vit, der als Kurator agierte: „Die Exponate werden am Ende der Ausstellung mit anderen Sachen dem Stadtarchiv gegeben. Sie werden katalogisiert, archiviert und verschlagwortet.“ Wie bereits in anderen Artikeln besprochen, wolle man ein Hip Hop Museum lancieren. Ferner hoffe man, dass in Zukunft auch eine Forschungs- und Bildungsinstitution eröffnet werde, in der Hip Hop geforscht und gelehrt würde, mit einem Lehrstuhl und eigenen Professorinnen und Professoren: „Wir stellen uns ein Zentrum vor, das ist die Vision.“

Vit ist selbst Doktorand der Sprachwissenschaften und schreibt seine Doktorarbeit in Hip Hop: In dieser Art ein Novum wie er erklärt, denn es gebe zwar Hip Hop Studies, doch Vit geht es um die Art wie man wissenschaftlich über Hip Hop schreibt. Sein Ansatz sei es, dass auch das Schreiben selbst in Hip Hop erfolgen solle. „Insofern ist diese Ausstellung auch Teil meiner Dissertation. Es geht zum Beispiel um alternative Formen der Wissensvermittlung.“ Ein Dialog mit der Universität zu dem Projekt sei erwünscht, aber es werde wohl Eigeninitiative brauchen: „Es wird daran liegen, uns selbst zu positionieren und auf die Leute zuzugehen, glaube ich.“

Von Carolina Hoffmann

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