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Vom Krebstest zur PR-Katastrophe
Die Professoren Sarah Schott und Christof Sohn von der Universitätsfrauenklinik haben im Februar den umstrittenen Bluttest vorgestellt. Foto: Universitätsklinik Heidelberg.

Vom Krebstest zur PR-Katastrophe

Heidelberger Wissenschaftler haben einen Krebstest als „Meilenstein“ angekündigt. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Insiderhandels

Als die Bild-Zeitung im Februar einen „medizinischen Durchbruch“ gegen Krebs verkündet, klopfen sich Frauenklinik-Chef Christof Sohn und Oberärztin Sarah Schott auf die Schultern. Die älteste Universität Deutschlands beweist erneut, dass sie ihren Exzellenzstatus verdient. Dass der Früherkennungstest noch Jahre von der Fertigstellung entfernt ist, scheint keine Rolle zu spielen. Die Bild veröffentlicht die Studie, ohne dass sie jemals in Fachzeitschriften abgedruckt wird und dadurch von anderen Forschern geprüft werden konnte. Die eigentliche Erfinderin aber wird nirgends genannt.

Wie alles anfing

Als Rongxi Yang 2007 ihren Master in Molekularbiologie in Heidelberg abschließt, erkrankt ihre Mutter an Brustkrebs. Nach ihrer Promotion investiert die Chinesin jede Woche 70 bis 100 Stunden in ihre Krebsforschung. Ihr geht es um mehr als Prestige.

Innerhalb von wenigen Jahren reicht sie 24 wissenschaftliche Artikel und vier Patente ein, ein Großteil davon in Zusammenarbeit mit ihrer Mentorin Barbara Burwinkel. Fast alle Einreichungen drehen sich um Liquid Biopsy. Diese Methode soll Botenstoffe von Tumoren bereits anhand von einigen Bluttropfen nachweisen können. Ist der Test erfolgreich, könnte er die Mammografie ersetzen – eine mit Strahlenbelastung verbundene Untersuchung, die viele falsche Ergebnisse produziert.

2016 erhält sie schließlich das ExistStipendium des Wirtschaftsministeriums. Das Forschungsstipendium von über 850 000 Euro soll für einen Zeitraum von drei Jahren sowohl ihr Projekt als auch ihr Startup „MammaScreen“ unterstützen.

Yang will den Bluttest 2019 als Labor-Kit auf den Markt bringen. Aber so weit kommt es nicht. Zehn Jahre nach ihrem Master in Heidelberg hört ihre Karriere an der Uniklinik auf. „Das Vertrauensverhältnis war zu stark belastet“, schreibt die Pressesprecherin auf Nachfrage. Yang scheidet „wenige Monate vor Beendigung ihres befristeten Arbeitsverhältnisses“ aus.

Das Firmengeflecht

Im November 2016 tritt NKY Medical an Yang heran. Das chinesische Medizinunternehmen interessiert sich für ihre Forschung. Zum damaligen Zeitpunkt erzielte Yang nämlich eine Trefferquote von 99 Prozent in ihren Versuchen. Herkömmliche Verfahren wie die Mammografie kommen nur auf 75 Prozent.

Yang fliegt nach China, zusammen mit der Technology Transfer Heidelberg GmbH (TTHD) führt sie die Verhandlungen. Die Ausgründung der Uniklinik vermarktet wissenschaftliche Erfindungen und Ergebnisse. Als Yang bei einem Treffen im März 2017 einen neuen Investor einbringen möchte, platzt der Deal. Die TTHD-Geschäftsführung verweigern die Unterschrift. Das Treffen scheint laut RNZ merkwürdig zu verlaufen: Beteiligte springen vom Tisch auf, schreien, stürmen aus dem Raum und knallen die Türen zu.

Yang gibt gegenüber der RNZ an, dass sie fortan von ihrer Vorgesetzten, Sarah Schott, gemobbt und kontrolliert worden sei. So sei beispielsweise die Zugangskarte zum Labor und zu ihrem Büro deaktiviert worden, sie habe ein isoliertes Büro bekommen und sei stündlich durch Anrufe gestört worden. Auf Nachfrage schreibt die Uniklinik über das Arbeitsverhältnis zwischen Schott und Yang nur: „Frau Yang war jahrelang wissenschaftliche Mitarbeiterin der Frauenklinik.“

Später wird offenbar ohne Yang weiterverhandelt. Im November 2017 nennt Frauenklinik-Chef Sohn bei einem Besuch in China die NKY Medical seinen „besten Partner in China“. Anschließend eröffnen sie im vergangenen März ein Krebsforschungszentrum bei der NKY Medical. Das Forschungszentrum soll laut Pressemitteilung des chinesischen Unternehmens „mit der Universität Heidelberg zusammenarbeiten“.

HeiScreen streitet die Vorwürfe ab

HeiScreen bestreitet in einer Stellungnahme jegliche Beteiligung am Forschungszentrum oder den Verhandlungen. Das Unternehmen wurde von TTHD-Geschäftsführer Gerd Rauch wenige Monate nach dem Ende der Karriere von Yang gegründet, um den Bluttest zu vermarkten.

Tatsächlich sind nicht nur Sarah Schott und Christof Sohn an HeiScreen beteiligt, sondern auch ein Unternehmen namens MammaScreen – geführt von Jürgen B. Harder.

Harder ist in der Boulevardpresse unter anderem bekannt als der Lebensgefährte von Ex-Schwimmstar Franziska van Almsick, in erster Linie aber hat er sich einen Namen als Immobilienunternehmer gemacht. Er lebt zusammen mit Frau und Kindern in Heidelberg.

2006 hat Harder zusammen mit Geschäftspartnern Schmiergeld an einen Manager des Frankfurter Flughafens bezahlt, um an Grundstücke in der Cargo City Süd zu kommen. Das Frankfurter Landgericht verurteilte ihn 2015 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von sieben Millionen Euro. Harder und Sohn kennen sich persönlich. 2007 entband Sohn persönlich das erste Kind von Harder und Almsick.

Im November 2017 gründet Harder also MammaScreen und steigt mit einer Beteiligung von 39 Prozent in HeiScreen ein – und unter der Vereinbarung eines Vetorechts. Wichtige Beschlüsse durfte HeiScreen nicht ohne seine Zustimmung treffen.

Der PR-Coup

Am 17. April 2018 soll es laut der RNZ eine Präsentation der Forschungsergebnisse gegeben haben. Kai Diekmann, ehemaliger BildChefredakteur, nahm auch an der Konferenz teil: „So nice to be in Heidelberg“, schreibt Diekmann auf Facebook. Sarah Schott versieht den Post mit einem Herz.

Für die Öffentlichkeitsarbeit ist eigentlich die Kommunikationsberatung „Deekeling Arndt Advisors“ (DAA) zuständig. Für die Kooperation zahlt HeiScreen 80 000 Euro. Mit der Berichterstattung in der Bild habe die Agentur aber nichts zu tun gehabt, wie der Pressesprecher auf Nachfrage schreibt.

Sowohl der Vorstand als auch die Presseabteilung der Uniklinik haben von der PR-Kampagne nicht nur gewusst, sondern waren auch an ihr beteiligt. Der Entwurf des Interviews lag dem Vorstand und der Presseabteilung mehr als zwei Wochen vor der Veröffentlichung vor.

Zwar bestreitet die Presseabteilung dies auf Nachfrage. Die Geschäftsleitung von HeiScreen sieht das aber anders. Der Vorstand habe nicht nur „eigene Formulierungsvorschläge unterbreitet, die Eingang in die Pressemitteilung gefunden haben“, sondern auch die Pressekonferenz in Düsseldorf vorbereitet.

Der Verdacht auf Insiderhandel

Als die PR-Kampagne Ende Januar beschlossen wurde, steigt der Kurs von der NKY Medical. Mitte März konnten die A ktien mit einem Gewinn von 80 Prozent verkauft werden. Das Problem: Sollte jemand das Wissen von der Kampagne genutzt haben, um Aktien zu kaufen, wäre das illegal – egal, ob an der deutschen oder chinesischen Börse gehandelt wird. Ökonomen sprechen in solchen Fällen von Insiderhandel.

Deswegen ermittelt nun die Staatsanwaltschaft, ob jemand interne Informationen weitergegeben oder benutzt haben könnte, um Aktien zu kaufen.

Die Uniklinik selbst hat am 4. April „Strafanzeige gegen Unbekannt in allen rechtlichen Belangen“ erstattet, „aufgrund der Anzeichen eines unlauteren Vorgehens“. Der Prozess wanderte aufgrund seiner Komplexität von Heidelberg nach Mannheim, zur Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität.

Parallel zu den Untersuchungen der Staatsanwaltschaft bemüht sich die Uniklinik selbst um Aufklärung. Fast einen Monat nach der PR-Kampagne berief man eine „unabhängige Kommission aus überwiegend externen Experten“ ein.

Die Zukunft des Tests

HeiScreen hält in einer Stellungnahme an dem Projekt fest: Sie seien „nach wie vor bestrebt, den Bluttest verfügbar zu machen.“ Zurzeit arbeite man „mit Hochdruck“ an dem Test.

Bis zu seiner tatsächlichen Anwendung dürfte es noch Jahre dauern. Die Mentorin Yangs, Barbara Burwinkel, wies bereits 2016 in einem ReviewArtikel für die Fachzeitschrift „Clinical Epigenetics“ darauf hin, dass die Bluttests weiter untersucht werden müssten.

Die Uni selbst geht auf Distanz zur Klinik. Zwar wird die Klinik rein rechtlich als eine eigenständige Anstalt geführt, Uni-Rektor Eitel sitzt qua Amtes trotzdem im Aufsichtsrat der Klinik. Auf Anfrage betont Eitel, dass „die Universitätsleitung zu keinem Zeitpunkt in die Vorgänge und Entscheidungen“ involviert war.

Hätten die Professoren den Test zwei Jahre später veröffentlicht, würde auch die restliche Uniklinik Schott und Sohn auf die Schultern klopfen. Die Vermarktung des Tests ist jetzt jedoch eine einzige Katastrophe. Statt einen „Meilenstein“ der Medizingeschichte zu feiern, ermittelt die Staatsanwaltschaft nun wegen Insiderhandel.

Und nicht nur das: Der Skandal könnte Heidelberg den Kopf kosten. Denn die Deutsche Forschungsgemeinschaft bearbeitet gerade die Bewerbung der Uni für die Exzellenzinitiative 2019.

Die Entscheidung fällt am 19. Juli, kurz nach dem geplanten Bericht der Expertenkommission. Fällt die Uni durch, gehen Millionen an Fördergeldern verloren – das wäre ein Desaster. Und das alles wegen einer PR-Kampagne.

Von Eduard Ebert

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