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Starke Männer und Strohmänner
Timothy Snyder lehrt an der Yale University. Foto: Frauemacht [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Starke Männer und Strohmänner

Der Historiker Timothy Snyder zeichnet in der Alten Aula ein düsteres Bild der politischen Zukunft des Westens

Die Geschichtswissenschaft ist in Tatsachen gegründet. Ihre Aufgabe ist es, über Zeit nachzudenken. Die Demokratie ist auf eine solche Geschichtswissenschaft angewiesen. Heute aber ist Zeit in Gefahr – sie wird ausradiert von Demagogen, die das Konzept von Tatsachen selbst leugnen, um die Öffentlichkeit im Schauspiel einer ewig dringlichen Gegenwart gefangen zu halten.

Wenn man Timothy Snyder zuhört, kann einem um die Zukunft der Welt angst und bange werden. Der Historiker und Osteuropa-Experte aus den USA, der hauptsächlich für seine Arbeiten zum 20. Jahrhundert bekannt ist, erregt zunehmend mit Warnungen vor künftigem Unheil Aufmerksamkeit. So auch am Mittwoch, als er ans Rednerpult der Alten Aula trat, nachdem das Deutsch-Amerikanische Institut (DAI) lange versucht hatte, ihn einzuladen. Der Yale-Professor sprach „Über Tyrannen – Populismus und der Weg in die Unfreiheit“; der Titel bezieht sich auf zwei seiner vieldiskutierten Bücher. Snyder diagnostiziert einen Trend zur „Politik der Ewigkeit“, in der Tatsachen keine Rolle mehr spielen: Führende Politiker geben mehr oder weniger offen zu, dass sie lügen. Das rechtfertigen sie mit der Behauptung, dass alle anderen auch lögen und dass es ohnehin keine objektive Wahrheit gebe. Unwillkürlich denkt man an Kellyanne Conway, die Beraterin Donald Trumps, die dessen glatte Lügen als „alternative Fakten“ ausgegeben hatte. Vorreiter dieser Politik jenseits der Tatsachen und überhaupt Epizentrum der Ewigkeit ist jedoch Russland. Wladimir Putin hat nicht nur die russische Demokratie geschliffen, sondern auch Einladungen an den Westen ausgestellt, ihm in das politische Reich der Faktenfreiheit zu folgen.

Dort nämlich, so Snyder, steht die Zeit still. Zum ersten Mal seit 150 Jahren gibt es keine Zukunftsvisionen mehr, sondern nur noch Beschäftigung mit der Gegenwart. In immergleichen Aufregungszyklen wird Politik nicht als Arbeit auf die Verwirklichung eines Plans hin betrieben, sondern als bloße Unterhaltung mit Tagesgeschehen. Trump, von Putins Desinformationskampagnen ins Amt gehievt, möchte die Mauer an der Grenze zu Mexiko gar nicht bauen. Es genügt ihm, darüber zu sprechen, um einen „dauerhaften Zustand der künstlichen Notlage“ aufrechtzuerhalten – ob es nun um Einwanderer, Hillary Clinton oder Journalisten geht, die er als „Feinde des Volkes“ anprangert. Dies alles geht mit der beharrlichen Zerstörung von Faktizität einher, die grundlegende Wahrheiten kontinuierlich umpflügt. Russland hat dem Westen die Ewigkeit in Gestalt Donald Trumps angeboten, und der Westen hat angenommen.

Wie konnte es dazu kommen? Snyder, der unerschrockene Trendverkünder, hat eine weitere fatale Entwicklung ausgemacht: die „Politik der Unausweichlichkeit“. Auch wenn er Trump und Putin nüchtern analysiert, merkt man ihm hier Genervtheit an. Das Unausweichlichkeitsdenken scheint seiner eigenen, düsteren Vision diametral entgegengesetzt. Für seine Verfechter ist der Status quo ein guter. Sie sind von einem deterministischen Optimismus geprägt, nach dem immer alles besser werde und die Zukunft nichts weiter sei als eine noch bessere Gegenwart. Aufgrund von Liberalisierung und technologischem Fortschritt befinde die Welt sich auf einem steten Marsch in eine goldene Zukunft der Demokratie; selbst Russland, das eben bloß noch nicht so weit sei wie der Westen.

Snyders Protest folgt auf dem Fuße. Dieses Denken sei nicht nur falsch, sondern eine gefährliche Verführung, welche die Menschen aufweiche, einlulle und in falscher Sicherheit wiege angesichts der Bedrohung durch Populisten und Demagogen. Sie führe auch ohne weiteres zur gefürchteten Politik der Ewigkeit: Wenn ohnehin alles immer besser wird, wozu sollte man sich dann noch für eine bessere Welt engagieren? Determinismus und die Abwesenheit von Verantwortung sind das ideologische Bindeglied zwischen den beiden politischen Paradigmen – Unausweichlichkeit führt zu Ewigkeit. Ein Denken, das den Menschen von jeder Verantwortung für die Zukunft der Welt freispricht, liefert ihn schutzlos den Feinden der Demokratie aus.

An dieser Stelle seines Vortrags kommen jedoch Zweifel auf und nehmen rasch überhand. Obwohl Snyder keine Namen nennt, wird ersichtlich, dass er hier nicht über bedenkliche Politiker spricht, sondern über die akademische Konkurrenz. Spätestens als er sagt, dass die Verkünder der Unausweichlichkeit mit ihren Büchern gute Geschäfte machen, ist endgültig klar, wem seine kalt vorgetragene Philippika gilt: dem Harvard-Psychologen Steven Pinker, der vor einem Jahr mit Enlightenment Now, einer frohen Botschaft der Rationalität und des Fortschritts, Furore gemacht hat. (Snyder selbst ist derzeit mit seinem Buch The Road to Unfreedom auf Tour.)

Doch trotz der Augenscheinlichkeit, mit der jeder Pinker-Leser ihn als Ziel der ausgiebigen Seitenhiebe Snyders erkennen kann, irritiert das völlige Fehlgehen von dessen Kritik. Keineswegs sitzt der Fortschrittsfreund aus Harvard irgendeinem historischen Determinismus auf, sondern betont im Gegenteil die Bedeutung bewussten Engagements für die Zukunft. Die liberale und wissenschaftlich orientierte Weltsicht habe bisher zu Verbesserungen des menschlichen Lebens in allen Dimensionen geführt, von Frieden und Sicherheit über Wohlstand bis hin zu Glück und Lebensqualität. Wenn diese erfreulichen Entwicklungen sich fortsetzen sollten, so Pinker, dann müssten weiterhin die Grundlagen dafür sichergestellt werden. Anstatt den Menschen des 21. Jahrhunderts aus der Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft zu entlassen, beschwört er ihn, für ihre Ursachen zu kämpfen. Und die bestünden, wie der Untertitel seines Buches verkündet, in Vernunft, Wissenschaft und Humanismus.

Tatsächlich schöpft Pinker gerade aus dem empirisch unterfütterten Fortschrittsgedanken ein Argument gegen den Populismus. Wenn alle Anstrengungen der Menschheit für eine bessere Zukunft seit jeher vergeblich gewesen seien, dann wäre es geradezu ein logischer Schluss, die herkömmlichen demokratischen Institutionen niederzureißen und radikale Sprücheklopfer zu Staatenlenkern zu erheben – das Land muss wieder groß gemacht werden, weil früher alles viel besser war. In Wahrheit sei das Gegenteil der Fall, und Aufklärung über die Aufklärung sowie ihre Früchte Wissenschaft und Fortschritt wirke als Gegenmittel im Angesicht rückwärtsgewandter Demagogie.

Weiterer Fortschritt der Menschheit ist bei Pinker gut möglich, aber nicht garantiert. Optimismus sei nicht einmal rationaler als sein fatalistisches Gegenteil. Ausführlich widmet er sich den Rückschlägen, die fast alle positiven Entwicklungen der Welt durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten genommen hätten. Auch der russische Nationalismus, der für Snyder eine so herausragende Rolle einnimmt, habe als „Ideologie der Gegenaufklärung“ zu einem Wiederaufflammen von Bürgerkriegen nach Ende des Kalten Krieges beigetragen.

Um keinen dieser Aspekte macht Pinker ein Geheimnis. Tatsächlich hat er sie immer wieder betont, zuletzt in einem längeren Essay, in dem er die bisherige Rezeption von Enlightenment Now rekapituliert. Oft beruhte die auf ganz ähnlichen Fehldarstellungen wie denen von Snyder. Doch was führt einen renommierten Wissenschaftler zu solch einer befremdlichen Strohmannbekämpfung? Einerseits ist es offensichtlich, dass der Historiker sich auf den fachfremden Quertreiber aus der Psychologie eingeschossen hat. Andererseits erscheint Pinker in seinen Ausführungen gerade deutlich genug, um durch ein grobschlächtiges Zerrbild ersetzt zu werden. Vielleicht liegt die Antwort in einer Beobachtung des Kritisierten. Fortschritt, so Pinker, sei für viele einfach ein fremdartiges Konzept, sodass sie ihn als Elaborat eines naiven Optimismus oder als notwendiges – deterministisches – Resultat einer mysteriösen Kraft missverstünden. Auf Snyder trifft das zu: Die ganze Pointe, dass wünschenswerte historische Entwicklungen sich aus sachgeleitetem menschlichen Handeln speisen, geht verloren.

Timothy Snyder hat viel Bedenkenswertes über Bedrohungen der Freiheit zu sagen. Seine Kritik an konkurrierenden Theorieangeboten geht jedoch am Ziel vorbei. Insgesamt unterscheiden sich Steven Pinkers Rezepte für den Kampf gegen den Populismus gar nicht so sehr von denen Snyders. Besonders das Argument, dass die überkommenen Errungenschaften des Liberalismus sich insgesamt bewährt hätten, scheint geradezu eine notwendige Voraussetzung dafür, sich gegen die Verlockungen der Ewigkeit zu wappnen, wenn die mit ihren Sirenen der Desinformation das postfaktische Zeitalter verkündet. Beide Denker richten leidlich vertraute Appelle an ihr Publikum, die demokratischen Institutionen zu stärken und Verantwortung für die Zukunft wahrzunehmen. Nichts davon ist besonders revolutionär, aber das soll es auch nicht sein – nicht für Pinker, bei dem schrittweise Verbesserungen zur Kernkompetenz politischen Handelns gehören, noch für Snyder, der damit doch ebenso bestehende Errungenschaften verteidigt, wobei er ein besonderes Augenmerk auf die EU legt. Trotz seiner Geringschätzung der Botschaften des Fortschritts und ihrer Überbringer tut Snyder letztlich selbst das, was er diesen vorwirft: die Zukunft als bessere Gegenwart zu konzipieren.

Von Lukas Jung

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