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Ausgang ungewiss…
Die Kontroverse des Brexit ist überall zu spüren. Ilovetheeu, People's vote on Brexit march, London, June 23, 2018 23, CC BY-SA 4.0

Ausgang ungewiss…

Was denken Heidelberger Studierende aus Großbritannien über den Austritt aus der EU?

Brexit means Brexit“, gab Theresa May, Premierministerin des Vereinigten Königreichs, im Juli 2016 in einer Rede zu Protokoll. Besagter Satz wird mittlerweile in Großbritannien oft und gerne zitiert, wenn es um die theoretische und praktische Umsetzung des Brexitprojektes geht. Doch handelt es sich beim Brexit schlichtweg um den Exit Großbritanniens aus der Europäischen Union? Welche Konsequenzen hat das eigentlich für uns Studierende?

Der Brexit lässt viele Studierende im Ungewissen

Die Briten Tom, Joe, Ben und Chris sind Studenten an der Uni Heidelberg und haben über ihre persönlichen Einstellungen und Sorgen gesprochen. „Für britische Studierende können sich durch einen Auslandsaufenthalt ganz neue Perspektiven und kulturelle Erfahrungen auftun. Das Geschichtsstudium in England ist ganz anders aufgebaut als in Deutschland“, findet Tom.

Welche Bedeutung ein Auslands-aufenthalt für die persönliche Zukunft haben kann, zeigt der Lebenslauf von Dr. Nicholas Martin. Er kam als DAAD-Stipendiat in den Achtzigern an die Ruperto Carola. „In Heidelberg entwickelte sich meine lebenslange Liebe zu Deutschland“, sagt er. „Nach dem Studium arbeitete ich kurz bei der Deutschen Bank in Frankfurt, und dann ging ich nach Oxford zurück, wo ich über Nietzsche und Schiller promovierte.“ Heute ist er Leiter des Germanistischen Instituts an der University of Birmingham.

Angesprochen auf Theresa May sagt Ben: „Sie ist zum Scheitern verurteilt. Alle Versprechen der Brexit-Befürworter sind unmöglich unter einen Hut zu bekommen, zu unterschiedlich sind deren Interessen.“ Bezüglich eines zweiten Referendums führt Chris an, dass dies zwar theoretisch sinnvoll wäre, seiner Auffassung nach der Brexit jedoch „wie ein riesiger Stein“ sei, „der unaufhaltsam auf den Abgrund zurollt“. Zu groß sei dessen politische und gesellschaftliche Sprengkraft. „Ein zweites Referendum würde den Brexit außerdem nicht zwangsläufig ablehnen“, denkt Joe.

Was bedeutet Brexit konkret für das Studierendendasein? Für die aktuell 58 britischen Studierenden in Heidelberg und 113 Heidelberger Studierende in Großbritannien wird sich aus universitärer Sicht vorerst nichts ändern. Alexandra Braye von der Erasmuskoordinationsstelle der Universität Heidelberg meint dazu: „Es ist zumindest vorgesehen, das Erasmus+-Programm bis 2021 genauso weiterlaufen zu lassen. Natürlich sind alle Seiten, vor allem auch unsere britischen Partneruniversitäten, bemüht, den Status quo aufrecht zu erhalten. Aber es kommt letztendlich auf die Verhandlungen an, ob es ab März 2019 eine Übergangsphase geben wird, und wenn ja, wie diese aussehen soll.“
Im Hinblick auf ihre persönliche Zukunft äußern alle Befragten ganz unterschiedliche Vorstellungen. „Ich spiele mit dem Gedanken, nach meinem Studium dauerhaft nach Deutschland zu ziehen“, meint Tom und fügt scherzhaft hinzu: „Außerdem habe ich jetzt als Erasmusstudent ein Jahr Zeit, eine deutsche Freundin zu finden“.

Ben berichtet von Freunden in Großbritannien, die aufgrund ihrer Abstammung irische oder französische Pässe beantragt haben. Er selbst spricht mehrere Sprachen und möchte nach dem Studium sowieso im Ausland leben. Chris ist glücklich darüber, bereits deutscher Staatsbürger zu sein. Dagegen will Joe auch in Zukunft in Großbritannien bleiben, um vor Ort die Zukunft seines Heimatlandes mitgestalten zu können. Alle vier wünschen sich auch weiterhin enge Beziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland.

Alle Befragten rechnen kurzfristig mit negativen Folgen für Großbritannien, wie ökonomische Einbußen bei einer Finalisierung des Brexits und ein mögliches Wegfallen von wichtigen EU-Fördergeldern für britische Universitäten. Mit Blick auf den 29. März 2019 ist Joe überaus mulmig zumute. „Bis März 2019 werde ich noch wie ein EU-Bürger behandelt, aber ich rechne fest damit, dass ich danach beim Reisen eingeschränkt sein werde. Außerdem habe ich vom Bürgeramt bislang noch nichts gehört, was meinen Aufenthaltstitel in Heidelberg angeht.“

Ganz so simpel, wie es sich Theresa May 2016 vorstellte, ist es also nicht. Fakt ist, dass auf ihr Land gewaltige Veränderungen zukommen.

Von Niklas Hauck und Hannah Lena Puschnig

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