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Die richtigen Worte
Demokraten und Populisten greifen auf ähnliche rhetorische Mittel zurück Foto: Foto: flickr.com, OCHA/Salih Zeki Fazlıoğlu (CC BY-ND 2.0)

Die richtigen Worte

Was Politiker ihren Wählern sagen wollen, hängt oft davon ab, wie sie es sagen. Dabei helfen ihnen Aristoteles‘ Weisheiten

Schon jetzt scheinen Horst Seehofer und seine Kollegen von der CSU kräftig Wahlkampf für die kommende Landtagswahl in Bayern im September zu machen. Zumindest wäre das eine plausible Begründung für einige ihrer polarisierenden Äußerungen der letzten Zeit. Dabei hat vor kurzem eine andere entscheidende Abstimmung in Deutschland stattgefunden: Die Wiederwahl des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan am 24. Juni, für die zwei Drittel der wahlberechtigten Türken in Deutschland gestimmt haben. Wer der Berichterstattung deutscher Medien über die Politik des türkischen Präsidenten folgt und zustimmt, kann kaum verstehen, warum die Worte des Rechtspopulisten hierzulande so großen Anklang finden. „Erdoğan hat es geschafft, türkischen Bürgern in Deutschland eine Identität zu geben“, erklärt Ekkehard Felder. Der Heidelberger Germanist analysiert die politische Sprache und ihre Rhetorik. „Wir schauen auf die Politik des Landes, auf die Pressefreiheit. Aber für viele Wähler sind die Punkte weniger wichtig. Man ist wieder jemand.“

Mithilfe der Regeln antiker Redekunst konnte Erdoğan seine Wähler von sich überzeugen: Eine gute Rede, so Felder, brauche Ethos, Pathos und Logos. Die durch den griechischen Philosophen Aristoteles eingeführten Säulen der Rhetorik meinen die Glaubhaftigkeit des Redners, die emotionale Verbindung zu den Zuhörern und die Überzeugung durch logische Argumente. „In den letzten Jahren sind Journalisten vermehrt darauf aus, die Sachlogik in Wahlkampfreden zu überprüfen. Aber vielen Rednern geht es in erster Linie um Stimmung, um die tieferliegende Botschaft: Wir gehören zusammen, wir lassen uns von anderen nichts diktieren“, sagt Felder.

Besonders in den Reden der US-amerikanischen Präsidenten, die in den USA als „civil religion“ gelten, ist das Pathos ein zentraler Bestandteil. Aber auch hierzulande werden Wahlkampfreden emotional stark aufgeladen. Damit sie ihre gewünschte Wirkung entfalten können, kommt es auch auf die Fähigkeiten der Redner an. Politiker werden für ihre Auftritte vor der Öffentlichkeit entsprechend geschult. „Es gibt Naturtalente wie den Herrn Lindner von der FDP“, so Felder. Er und seine Parteikollegen haben auf Parteitagen früh angefangen, ganz ohne Karteikarten zu sprechen. Das vermittle Echtheit und Authentizität. „Jemand wie Frau Merkel dagegen hat vielleicht kein größeres rhetorisches Talent. Aber durch ihre Seriosität zweifelt niemand daran, dass sie zu dem steht, was sie sagt“, erklärt der Germanist weiter.

Wichtig ist, dass ein Sprecher glaubhaft erscheint. Als Beispiel verweist Felder auf die Jenninger-Rede zum 50. Jahresgedenken an die Novemberpogrome 1938. Indem er die Perspektive der Täter einnahm, versuchte der damalige Bundestagspräsident Philipp Jenninger, ihre Denkweise nachzuvollziehen – und scheiterte in den Augen seiner Zuhörer kläglich. Noch während er redete, verließen einige Abgeordnete den Raum. Die bundesweite Empörungswelle führte dazu, dass Jenninger schon am nächsten Tag von seinem Amt zurücktrat. Als im darauffolgenden Jahr Ignatz Bubis, der spätere Vorsitz des Zentralrats der Juden, demonstrativ einige Passagen von Jenningers Rede in seiner eigenen Ansprache wiederholte, blieb der Shitstorm gegen ihn aus. Aufgrund seines Amtes und seiner Konfession zweifelte niemand an Bubis‘ Glaubwürdigkeit und der Intention seiner Worte.

Auch wenn Bubis Jenningers Rede damit rehabilitierte, hängt sie ihm bis heute nach. „Sprache ist nie neutral“, sagt Felder. Was man sagt und in welcher Form dies geschieht, muss genau abgewogen werden. Besonders im Wahlkampf bewegen sich Politiker auf dem schmalen Grat zwischen emotionaler Überzeugungsarbeit und rationalen Argumenten. Auch wenn zwei Redner dieselben rhetorischen Mittel verwenden, gibt es zwischen Populisten wie Erdoğan und Demokraten wie Merkel Unterschiede in ihrer Art, zu argumentieren. „Populisten oder totalitäre Politiker nehmen Gegenargumente gar nicht erst auf, um ihre Anhänger dafür nicht zu sensibilisieren. Demokratische Politiker machen die Widersprüchlichkeit zum Gegenstand ihrer Rede. Sie erwähnen oft Gegenargumente, um sie wieder zu entkräften“, führt Felder aus. Am Ende bleibt das Ergebnis einer Wahl aber doch an den Wählern hängen. Sie haben mit ihrer Stimme das Werkzeug in der Hand, um Politiker in ihre Schranken zu weisen. „Wir brauchen aufgeklärte Bürger, die hinter die Worte schauen können, die sich fragen: Was will der Politiker? Dann funktioniert Demokratie.“

Von Esther Megbel

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